Poetry.de - das Gedichte-Forum
 kostenlos registrieren Forum durchsuchen Letzte Beiträge

Zurück   Poetry.de > Gedichte-Forum > Humorvolles und Verborgenes

Humorvolles und Verborgenes Humorvolle oder rätselhafte Gedichte zum Schmunzeln oder Grübeln.

Antwort
 
Themen-Optionen Thema durchsuchen
Alt 29.05.2017, 01:23   #1
männlich Schmuddelkind
 
Benutzerbild von Schmuddelkind
 
Dabei seit: 12/2010
Ort: Berlin
Alter: 34
Beiträge: 4.795

Standard Leitkultur

Ein deutscher Witz, wenn überhaupt, ist trocken.
Denn wenn du richtig lachen willst, dann trinke!
Ein Deutscher trägt Sandalen nur mit Socken
und Frauen, die verschleiern sich mit Schminke.

Gesetz und Ordnung ist das halbe Leben.
Die andre Hälfte macht uns Angst und bang.
Wir planen lang und machen nichts "mal eben".
Drum lebe ohne Freude, aber lang!

Die Sprache unsrer Denker, unsrer Dichter,
die wird bei uns gepflegt - geschont schon fast.
Sie wird auch immer reicher, immer dichter
mit Worten wie "Bezugsgebührenlast".

Vertrauen ist ein Mangel an Beweisen.
Kontrolle war noch nie zu groß bemessen.
Wer sieht, wie seine Nachbarn abends scheißen,
der kann sich denken, was sie mittags essen.

Wir dulden keinen rückgewandten Glauben.
In unsren Kirchen trinkt die Jugend Wein.
Wer vergewaltigt wird, ihr müsst erlauben,
der willigt schweigend in die Ehe ein.

Ansonsten ist Demokratie uns heilig,
solange alles brav so bleibt, wie's ist.
Nur diese Trägheit ist uns manchmal eilig:
Schieb ab! Vielleicht ist es ein Terrorist.
Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 29.05.2017, 11:46   #2
weiblich Unar die Weise
 
Benutzerbild von Unar die Weise
 
Dabei seit: 10/2016
Ort: in einem sagenhaften Haus
Alter: 38
Beiträge: 5.044

Standard Hallo Schmuddelkind,

gewiss hattest du einen triftigen Grund, diese Kategorie zu wählen.
Auf mich wirkt das Gedicht aber gar nicht humorvoll, sondern sehr zutreffend und somit gesellschaftskritisch.
Ich habe es gerne gelesen und musste an manchen Stellen tatsächlich nicken.

Wir planen lang und machen nichts "mal eben".
Drum lebe ohne Freude, aber lang!


Die beiden Verse stimmten mich gar nachdenklich. Ich bin auch ein akribischer Planer, der pedantisch am Ausgearbeiteten festhält.
Da geht einem schon manches Mal etwas verloren, aber ich kann eben auch nicht aus meiner Haut.
So bin ich eben auch "linientreu" und schätze alte Werte.
Und möchte mich auch darin sicher fühlen,
so, wie du es hier beschreibst.

Gesetz und Ordnung ist das halbe Leben.
Die andre Hälfte macht uns Angst und bang.


Wo es mich, oder unsere Gesellschaft hinführt... ich wage es nicht
vorauszusagen.

In nachdenklicher Grundstimmung und mit freundlichem Gruß,
Unar.
Unar die Weise ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 29.05.2017, 12:33   #3
Thing
R.I.P.
 
Benutzerbild von Thing
 
Dabei seit: 05/2010
Beiträge: 35.077

Standard Lieber Schmuddelkind!

Das ist mal wieder vortrefflich gelungen! Ich selbst fühle mich gar nicht getroffen, denn bei mire gilt: Wie es kommt, so kommts, was soll die Aufregung?
Numms leicht, nimms locker - nimm mich.
Nein, ganz im Ernst - die Kategorie stimmt in meinen Augen, denn über die
"Leitkultur"
läßt sich nur spötteln. Ich selbst denke bei diesem Wort immer an die mater familias, die
Leitkuh.

Daumen hoch und Gruß
von
Thing
Thing ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 29.05.2017, 22:47   #4
gummibaum
 
Dabei seit: 04/2010
Alter: 67
Beiträge: 10.909

Stellenweise genial, liebes Schmuddelkind. Tucholski sah ähnlich kritisch auf die Landsleute und wählte einen verwandten Ton.

Bravo!
gummibaum
gummibaum ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 29.05.2017, 22:54   #5
weiblich Ilka-Maria
Forumsleitung
 
Benutzerbild von Ilka-Maria
 
Dabei seit: 07/2009
Ort: Arrival City, auf der richtigen Seite des Mains
Beiträge: 23.636

Zitat:
Zitat von Schmuddelkind Beitrag anzeigen
Vertrauen ist ein Mangel an Beweisen.
Kontrolle war noch nie zu groß bemessen.
Wer sieht, wie seine Nachbarn abends scheißen,
der kann sich denken, was sie mittags essen.
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 30.05.2017, 13:31   #6
männlich Schmuddelkind
 
Benutzerbild von Schmuddelkind
 
Dabei seit: 12/2010
Ort: Berlin
Alter: 34
Beiträge: 4.795

Vielen Dank an alle für eure Gedanken und mimischen Zusprüche!

Zitat:
gewiss hattest du einen triftigen Grund, diese Kategorie zu wählen.
Auf mich wirkt das Gedicht aber gar nicht humorvoll, sondern sehr zutreffend und somit gesellschaftskritisch.
Ich habe es gerne gelesen und musste an manchen Stellen tatsächlich nicken.
Ich habe auch kurz darüber nachgedacht, es in die Kategorie "Zeitgeschehen und Gesellschaft" einzustellen. Wusste auch nicht, wie lustig man dieses Gedicht finden kann. Humor ist ja voll und ganz Geschmacksfrage. Letztendlich habe ich mich für diese Rubrik entschieden, weil mein Ziel gar nicht so sehr war, ein zutreffendes Bild unserer Gesellschaft zu zeichnen, sondern mich über den Begriff "Leitkultur" lustig zu machen:

Ich habe bewusst negative Stereotype aufgezählt, um deutlich zu machen, dass, abgesehen davon, dass ich es ohnehin befremdlich finde, zu fordern, dass sich irgendjemand an die Erwartungen anderer anpassen soll, eine Aussage der Form "Deutsch zu sein bedeutet x, y, z" sich notwendiger Weise in der willkürlichen Stereotypisierung erschöpft. Eine Kultur ist eben kein klar greifbarer Gegenstand; eine Kultur kennt auch keine Werte, verfolgt auch kein Programm. Kulturen sind in sich vielgestaltig, gegenläufig und widersprüchlich.

Dass ich in meiner klischeehaften Darstellung dabei auch auf einige Wahrheiten gestoßen bin, die euch zu denken geben, ist mir nicht unangenehm. Wenn man sich, wie Thing gar nicht von der Kritik angesprochen fühlt und sie dennoch für berechtigt hält, unterstreicht dies eben dass in einer Kultur eben auch immer das Gegenteil existiert. Man mag all die Dinge, die ich genannt habe, vielleicht sehr zu recht, als typisch deutsch betrachten und dennoch wird man Mühe haben, auch nur einen Menschen zu finden, der genau dieser Beschreibung entspricht. Und dies gilt eben nicht nur für meinen spöttischen Leitkultur-Begriff, sondern für jeden solchen Begriff, den eine Regierung sich aus ihrer parteipolitischen Nase zöge.

Zitat:
Ich bin auch ein akribischer Planer, der pedantisch am Ausgearbeiteten festhält.
Das trifft bei mir ganz und gar nicht zu; ich lasse mich lieber auf das ein, was mir das Leben so spontan anbietet und im Großen und Ganzen bin ich damit gut gefahren. Man muss dann aber auch mal damit leben, dass man keinen geradlinigen Fortschritt macht und wenn das nichts für einen ist, kann ich das auch verstehen. Manchmal täte mir aber auch ein bisschen mehr Planung gut, wie ich gerade jetzt Ende Mai wieder erfahren muss.

Zitat:
Gesetz und Ordnung ist das halbe Leben.
Die andre Hälfte macht uns Angst und bang.

Wo es mich, oder unsere Gesellschaft hinführt... ich wage es nicht
vorauszusagen.
Da muss ich auch tatsächlich sagen, dass ich dieses Klischee für sehr passend erachte. Ich habe schon einige Länder bereist und nirgendwo ist die Angst vor dem Spontanen, dem Unkontrollierbaren so groß wie in Deutschland. Wenn in einem deutschen Bahnhof der ICE 10 Minuten Verspätung hat, verlieren alle den Kopf. In Indien ist das völlig normal, dass der Bus kommt, wann er eben kommt und dann irgendwo anhält, wo man gerade nicht steht und bis dahin wartet man eben und quatscht mit den Mitwartenden. Letzteres habe ich als sehr viel angenehmer empfunden.

Da du Manches ja auch auf dich selbst bezogen siehst, Unar, und falls es nicht vermessen ist, öffentlich nachzufragen: Fühlst du dich denn unglücklich mit deinem Sicherheitsbedürfnis und deinem langfristig ausgerichteten Denken? Denn wenn nicht, scheinst du ja nicht so viel verkehrt zu machen und hast doch einen Weg gefunden, der für dich funktioniert. Falls doch, hast du doch zumindest ein Problem erkannt und das ist doch schon mal das Wichtigste. Menschen sind ja zum Glück sehr unterschiedlich und es gibt nicht den einen Königsweg zum Glück - und wenn doch, möchte ich meinen Text jedenfalls nicht als Wegweiser verstanden wissen (mit meinen unglaublichen 31 Jahren Lebenserfahrung).

Zitat:
Tucholski sah ähnlich kritisch auf die Landsleute und wählte einen verwandten Ton.
Interessanter Vergleich. Wenn ich hin und wieder solche kritischen Texte schreibe, spukt mir immer Heine im Hinterkopf herum.

Zitat:
läßt sich nur spötteln. Ich selbst denke bei diesem Wort immer an die mater familias, die
Leitkuh.


LG an alle!
Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 30.05.2017, 20:55   #7
weiblich Unar die Weise
 
Benutzerbild von Unar die Weise
 
Dabei seit: 10/2016
Ort: in einem sagenhaften Haus
Alter: 38
Beiträge: 5.044

Zitat:
Zitat von Schmuddelkind Beitrag anzeigen

Da du Manches ja auch auf dich selbst bezogen siehst, Unar, und falls es nicht vermessen ist, öffentlich nachzufragen: Fühlst du dich denn unglücklich mit deinem Sicherheitsbedürfnis und deinem langfristig ausgerichteten Denken? Denn wenn nicht, scheinst du ja nicht so viel verkehrt zu machen und hast doch einen Weg gefunden, der für dich funktioniert. Falls doch, hast du doch zumindest ein Problem erkannt und das ist doch schon mal das Wichtigste. Menschen sind ja zum Glück sehr unterschiedlich und es gibt nicht den einen Königsweg zum Glück - und wenn doch, möchte ich meinen Text jedenfalls nicht als Wegweiser verstanden wissen (mit meinen unglaublichen 31 Jahren Lebenserfahrung).

Es ist ganz und gar nicht vermessen nachzufragen.

Ich fühle mich damit ganz gewiss nicht unglücklich.
Vor mancherlei Vorschnelle hat es mich bewahrt.
Was mir auf Grund meiner Unspontanität entgeht, weiß ich ja auch nicht.
Nur manchmal würde ich mir eine kindlichere Sichtweise wünschen.
Mal fehlt mir eine gewisse Unbeschwertheit.
Das macht das Leben oftmals stupide.
Vielleicht ändert sich das mal wieder, wenn man seine Schäfchen im Trockenen hat und das Kind aus dem Haus ist.

Ich danke dir, dass du so ausführlich erklärt hast, was der Hintergrund zum Gedicht ist.

Ich wünsche dir eine gute spontane Zeit, bleib wie du bist.
Wer sich leiten lässt, findet auch einen Weg.

Unar
Unar die Weise ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 01.06.2017, 10:34   #8
weiblich Schnulle Köhn
 
Dabei seit: 05/2017
Ort: am Ende der Welt
Alter: 59
Beiträge: 929

Es passt schon auch in die Kategorie Humor. Ich amüsiere mich oft über den Wald von Hinweis –und Verbotsschildern.
Ich selbst muss wohl nicht typisch deutsch sein. In mir lebt eine Künstlerseele und durch meine Adern fließt französisches Blut von meiner Urururgroßmutter. Ich versuche jeden Tag mich zu disziplinieren (ha ha, doch typisch deutsch) aber ich bekomme einfach nicht punkt zwölf das Essen auf den Tisch. Aber ein gewisser Rahmen und eine gewisse Erdung sind im Leben sehr hilfreich.

LG Schnulle
Schnulle Köhn ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 01.06.2017, 13:52   #9
Thing
R.I.P.
 
Benutzerbild von Thing
 
Dabei seit: 05/2010
Beiträge: 35.077

Standard Liebe Schnulle Köhn -

das macht Dich sehr sympathisch!
Bei mir sind es Adlige von Vaters Seite her (Lölöwel von Löwenstein in der Mark Brandenburg),
nichts auf mich überkommen,
mütterlicherseits sind es Hugenotten aus der Schweiz (Luginbühl), von denen hab ich allerhand im Blut.

Lieben Gruß
von
Thing
Thing ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 01.06.2017, 18:29   #10
weiblich Ex-Kokochanel
abgemeldet
 
Dabei seit: 05/2017
Beiträge: 61

satirisch klasse aufbereitet, die Leitkultur. Gerne geschmunzelt und drüber nachgedacht.
LG von Koko
Ex-Kokochanel ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 13.06.2017, 11:54   #11
männlich Schmuddelkind
 
Benutzerbild von Schmuddelkind
 
Dabei seit: 12/2010
Ort: Berlin
Alter: 34
Beiträge: 4.795

Hallo Leute,

ich war eine Weile weg und hatte nicht die Möglichkeit euch zu antworten. Jedenfalls vielen Dank für euer Feedback und eure Sichtweisen auf dieses Thema.

Zitat:
Ich fühle mich damit ganz gewiss nicht unglücklich.
Solange man das von sich behaupten kann, hat man, denke ich, nichts zu bereuen. Man wird nie mit jedem Aspekt seines Lebens vollkommen zufrieden sein, aber wenn man mit sich im Reinen ist, kann man dies auch akzeptieren und selbst in der Unzufriedenheit Glück finden.

Zitat:
Mal fehlt mir eine gewisse Unbeschwertheit.
Das macht das Leben oftmals stupide.
Vielleicht ändert sich das mal wieder, wenn man seine Schäfchen im Trockenen hat und das Kind aus dem Haus ist.
Das ist natürlich ein Umstand, der das Loslassen erschwert. Wenn man für andere verantwortlich ist, kann man eben nicht dasselbe Risiko eingehen, das man alleine vielleicht gerade so noch tragen würde.

Zitat:
Ich amüsiere mich oft über den Wald von Hinweis –und Verbotsschildern.
Da kann man in der Tat den Überblick verlieren. Ich warte auf den Tag, an dem ich in eine Einbahn-Sackgasse hineinfahre - oder besser daran vorbeifahre - man möchte ja nicht bis in alle Ewigkeit am Ende einer Straße gefangen sein.

Zitat:
Ich selbst muss wohl nicht typisch deutsch sein. In mir lebt eine Künstlerseele und durch meine Adern fließt französisches Blut von meiner Urururgroßmutter. Ich versuche jeden Tag mich zu disziplinieren (ha ha, doch typisch deutsch) aber ich bekomme einfach nicht punkt zwölf das Essen auf den Tisch. Aber ein gewisser Rahmen und eine gewisse Erdung sind im Leben sehr hilfreich.
Das ist wohl wieder so ein Beleg für die Widersprüchlichkeit, die in dem Versuch liegt, eine Kultur in ein Korsett zu zwängen. Einerseits gilt Deutschland als Land der Dichter und Denker und in der Tat gab und gibt es doch eine Unmenge unglaublich kreativer, unkonventioneller Köpfe in Deutschland. Andererseits scheint dies doch im Widerspruch zu stehen zu dem vermeintlich typisch deutschen verklemmten Spießer.

Zitat:
satirisch klasse aufbereitet, die Leitkultur. Gerne geschmunzelt und drüber nachgedacht.
Freut mich sehr, dass ich dich zum Schmunzeln und Nachdenken anregen konnte.

LG
Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
Antwort

Lesezeichen für Leitkultur

Stichworte
ausgrenzung, identität, kultur

Themen-Optionen Thema durchsuchen
Thema durchsuchen:

Erweiterte Suche



Sämtliche Gedichte, Geschichten und alle sonstigen Artikel unterliegen dem deutschen Urheberrecht.
Das von den Autoren konkludent eingeräumte Recht zur Veröffentlichung ist Poetry.de vorbehalten.
Veröffentlichungen jedweder Art bedürfen stets einer Genehmigung durch die jeweiligen Autoren.